Neobarock aus Rattengift
Zur Geschichte des "Kaiserpalast" am Pirnaischen Platz
Nein,
so recht zeitgemäß sieht Otto Scharfes Restaurant und Café Pirnaischer Platz
anfangs der 1890er Jahre wirklich nicht mehr aus. Vor der hässlichen Brandmauer
der neu errichteten Gebäude im handtuchschmalen Areal zwischen der links im
nebenstehenden Bild verlaufenden Ringstraße und der rechts verlaufenden
Amalienstraße, steht das Restaurantgebäude quasi als Rudiment der Bebauung des
Platzes vor dem Pirnaischen Tor nach dessen Demolation. Irgendwie muss doch
diese Brandmauer verschwinden, verdeckt werden durch einen ebenso hohen Neubau.
Am besten einen Kopfbau mit der Hauptfassade dem Pirnaischen Platz zugewandt. Ob
aber das Kneipengeschäft Scharfes soviel Gewinn abwarf um einen Neubau zu
finanzieren? Da trat ein in Kötzschenbroda bei Dresden praktizierender Apotheker
auf dem Plan. Dieser stellte, neben all den Mitteln gegen tatsächliche oder
eingebildete Wehwehchen auch eine chemische Keule gegen Ratten und Mäuse her. Im
Herzogtum Baden grassierte zu dieser Zeit gerade eine Seuche mit diesem
Ungeziefer und der Apotheker, Namens Friedrich Hermann Illgen, verdiente sich
mit seinem wohl wirksamen Mäusepulvern und Rattengiftköder die sprichwörtliche
"Goldene Nase". Ob nun Scharfe mit Illgen verwandt oder verschwägert, oder dicke
Freunde oder gar Logenbrüder waren (Illgen war seit 1881 Bruder der Loge
"Charlotte zu den drei Nelken" in Meiningen, später der Dresdner Apfelloge), ist
derzeit unbekannt. Der Pillendreher wollte jedoch sein Geld wohl gewinnbringend
anlegen und erwarb das Grundstück, um es mit einem Kopfbau zu verschönern.
Dabei hatte er vermutlich das prächtige so genannte Redlichhaus am Amalienplatz,
dem nördlichen Ende des Handtuchareals vor Augen, welches auf dem nebenstehenden
Bilde zu sehen ist. Nur wollte er ein noch schöneres Gebäude als ebendieses
Haus, ja mehr noch, es sollte noch "prächtiger als ähnliche in Dresden" werden.
Und Otto Scharfe sollte sich in diesem Haus eine ganz fantastische
Gastwirtschaft einrichten, eventuell mit Hotel garni. Und wenn ohne
Beherbergung, dann in den oberen Etagen Büroräume und im Dachgeschoss Ateliers.
Da macht man mit der Vermietung an ein zahlungskräftiges Klientel wohl den
besten Schnitt. Illgen selbst zog späterhin nicht in das Haus - der Pirnaische
Platz war ihm wohl zu verkehrsreich -, sondern er bezog im Jahre 1899 die noch
heute stehende und vom Architekten Martin Pietzsch im Jahre 1891 errichtete
Villa an der Loschwitzer Straße, im Nobelstadtteil Blasewitz gelegen. Aber
kehren wir zurück zum Pirnaischen Platz. Illgen war nun Bauherr und lobte einen
Wettbewerb zur Errichtung dieses zu seiner Geldanlage dienende Gebäude aus und stellte dementsprechende
Forderungen. Gemäß der auszuschöpfenden Bauordnung der damaligen königlichen
Residenzstadt; ein viergeschossiger Bau (einschließlich Erdgeschoss) an den
Hauptfluchten zur Ring- und Amalienstraße, viergeschossig (ausschließlich des
Erdgeschoss) an der Seite zum Pirnaischen Platz und jeweils 14 Meter der
Seitenstraßen zu. Die Fassaden an der Ring- und Amalienstraße hatten sich der
schon bestehenden Bebauung in Traufhöhe anzufügen, Giebel und Dachaufbauten
mussten ebenfalls dem Gesamtbilde entsprechen. Hinsichtlich der Seite zum
Pirnaischen Platz zu und der schon benannten 14 Meter in den Seitenstraßen
konnten sich die Architekten austoben, selbst das Verbrechen der Ecken, sonst
klar geregelt, war nicht im zwingenden Maße vorgeschrieben, lediglich der
Fußgängerverkehr durfte nicht behindert werden. Es war auszuschließen, dass sich
zwei bewegende Passanten im rechten Winkel treffen könnten. Das zu den
städtebaulichen Vorschriften. Der Bauherr stellte aber noch weitere Forderungen.
So sollte ein Teil des Gebäudes (zur Amalienstraße zu) doppelt unterkellert
sein, damit Scharfes Wein- und Biervorräte nicht die Temperatur des
Heizungskellers annehmen. Im Erdgeschoss war die Verbindung der Amalien- mit der
Ringstraße durch eine Passage und 1/3 der Fläche für das Restaurant vorgesehen.
Dabei sollte die wertvollere Geschäftslage, eben die zum Platze hin, nicht damit
verschwendet werden, sondern hier waren Läden einzubauen. Brachte mehr Geld.
Vorsichtshalber so, dass sich Ladenflächen später zusammenlegen ließen. Die
erste Etage sollte vollkommen der Gastwirtschaft zur Verfügung stehen. Mit
Podium oder gar Konzertsaal, eventuell mit Gesellschafträumen aber vor allem,
und so wörtlich: "praktische und gut ventilierte Pissoire- und Klosettanlagen".
An der Fassade der Ring- bzw. Amalienstraße ein vom Restauration bequem zu
erreichender eiserner Balkon. Die zweite Etage Büroräume, in der dritten Etage
das Hotel bzw. Wohnungen und in der letzten Etage Ateliers.
Der
festgesetzte Termin für die Einreichung der Entwürfe war der 15. März 1895 und
binnen dieser Zeit gingen 113 mehr oder weniger gute Vorschläge ein. Nach zwei
Sichtungen landeten 103 dieser Entwürfe in den Rundumordner. Die nach Ansicht
des Gremiums (Prof. Wallot, Rossbach, Prof. Gottschaldt und Illgen selbst)
besten 10 Entwürfe kamen nun in die engere Wahl und blieben auch der Nachwelt
erhalten. Doch was war so darunter? Die beiliegenden Bildchen sagen alles. Wie
ein Märchenschloss mutet der auf dem linken Bild zu sehende Gebäudetrakt an. Ein
gewisser Metzendorf aus Elberfeld lieferte dieses Projekt. Zu sehen die Ecke
Pirnaischer Platz zur Ringstraße, das turmähnliche Gebilde sollte sich an der
Ecke zur Amalienstraße befinden. Insgesamt zwei Lichthöfe sollte das
Tageslicht in das Restaurant geleiten, welches üppig auszugestalten war (das
trifft auch auf alle anderen Entwürfe zu). Ein Plus bei diesem Projekt war die
von allen Projekten am geschicktesten angeordnete Grundrissregelung der
einzelnen Räume im Obergeschoss. Allerdings brachten die eben zwei projektierten
Lichthöfe und ein ebenso unglücklich angeordnetes Treppenhaus gewaltige Einbuße
in der Fläche der Ladengeschäfte und auch das Restaurant. Dennoch erhielt das
Projekt vom Preisgericht, welches die äußere Gestaltung selbst als "reichgegliederten,
wenn auch etwas abenteuerlichen Aufbau" sah, einen dritten Preis und die damals
horrende Summe von 500 Mark. Der Auftrag wäre Herrn Metzendorf bestimmt lieber
gewesen. Zweimal wurde ein dritter Preis ausgelobt und somit schauen wir uns
natürlich auch den zweiten 3. Preis an. Schon das Kennzeichen hatte es in sich.
"Per aspera ad astra". Lateinisch klingt immer gut und im übertragenen
Sinne heißt das, sich auf steinigen Wegen zu den Sternen emporzuheben. Übrigens, ein Projekt hatte
das für mich wohl schönste Kennwort: "s´ Bärnsche Dor", eben im schönste
Sächsisch eine Hommage an den Ort des Bauplatzes, war ja auch vom Chemnitzer
Architektenpaar Duderstaedt und Rümmler eingereicht. Reichte aber späterhin doch
nur für einen Ankauf.
Doch
bleiben wir beim zweiten dritten Preis. Rechts ist die Zeichnung des Projektes
zu sehen und ein klein wenig deutet es auch das zukünftige Gebäude an.
Allerdings trügt der Schein, das Preisgericht fällte, obwohl später ebenfalls
mit 500 Mark Preisgeld bedacht, ein vernichtendes Urteil ob der Raumgestaltung.
Ein Lichthof genau in der Mitte war als Galerie ausgearbeitet und hätte somit
die ganze Sache mehr verdunkelt als erhellt. Auch bemängelte man die Anlage des
Lichthofes zugleich als Lüftungsschacht und der nicht ganz den
feuerpolizeilichen Anordnungen ausgeführten Treppe im Restaurant. Endergebnis,
durchgefallen. Wenn auch den Dresdner Architekten Hermann Richter und Otto
Förster letztlich eine tüchtige Durchführung bewertet wird. Nur, ist das nicht
gar Pflichte eines jeden Architekten? Bevor wir nun zum ersten Preis und somit
zum Abstauber von immerhin 2000 Mark kommen, sollen zunächst noch die Namen der
anderen Architekten anerkennend genannt werden, welche sich am Projekt
beteiligten. Jeweils mit einer Anerkennung bedacht wurden die Architekten Cavael
und Perrey aus Stettin mit ihrem Projekt "Handel schafft Wandel", der Architekt
Hennig aus Zwickau mit "Stein und Eisen", sowie Alvin Anger aus Dresden
mit dem Projekt "Nobis bene, nemini male", soll heißen: "Für uns das
Gute, für niemanden das Böse".
Angekauft wurde, wie schon geschrieben "´s Bärnsche Dor" und ein Projekt von
Johannes Fischer aus Dresden. Doch nun, täterätä, der erste Preis.
"Für
Sachsens Residenz", so lautete das Projekt des Freiberger Architekten Th.
Martin. Und in der Tat, für die Hauptstadt nur das beste - also keine Erfindung
der Deutschen Demokratischen Republik - hatte sich dieser Architekt gedacht und
stellte das nebenstehende Projekt zur Schau. Und, die Juroren waren des Lobes
voll, wenn es natürlich auch einiges zu bekritteln gab. Fangen wir mit den
Negativerscheinung an. Die Fassade wäre in "freilich etwas nüchterner Weise"
herausgebildet. Sehe ich persönlich, wenn man sich späterhin die tatsächliche
Bauausführung betrachtet, eher als Positivum an. Auch wäre die Innentreppe,
welche die beiden Restaurantetagen verbinde, etwas unglücklich gewählt und die
Ladengeschäfte sowieso zu klein. Das ließe sich allerdings durch eine
geschicktere Raumaufteilung ändern. Und nun die Elogen. Der Höhenunterschied
zwischen der Ringstraße und der Amalienstraße, auf dem Bilde gut zu erkennen,
ist durch eine höher liegende Estrade ausgeglichen. Auch die Anlage eines
Lichthofes direkt am Ende des Gebäudes samt einer Verbindung zum Lichthof des
Nachbarhauses wurde als sehr gut und auch der allgemeinen Lüftung dienlich
beschrieben. Die Aufteilung der Räume, namentlich in den Obergeschossen, ist
auch meines Erachtens in diesem Projekt als am gelungensten zu betrachten, und
es sind auch ausreichend Sanitärräume in den oberen Etagen vorhanden. Sogar mit
Badewanne, zu dieser Zeit ein wohl ganz enormer Luxus. Somit wären die Räume für
die Nutzung als Büroräume beziehungsweise Ateliers viel zu schade. Wohl leider
auch deshalb wurde schließlich dieses Projekt nicht zur Verwirklichung gebracht.
Der aufmerksame Leser wird sicher schon bemerkt haben, bei der Aufzählung der
eingereichten Vorschläge fehlt einer und auch der zweite Preis wurde nicht
benannt. Den hat es natürlich auch gegeben. Das Preisgeld von 1000 Mark erhielt
das bekannte Dresdner Architektengespann Lossow & Viehweger für ihr Projekt
blumigen Namens "Granatapfel im Roten Feld" und lapidar heißt es in den
Beschreibungen der Projekte zum Hause von Herrn Apotheker Illgen:
"Voraussichtlich wird das mit dem 2. Preis gekrönte Projekt Granatapfel auf
rotem Grund der Herren Lossow und Viehweger in Dresden im nächsten Jahre zur
Ausführung kommen."
Obwohl
es schließlich dann doch nicht dazu kam, letztlich erhielten bekanntlich
Schilling und Gräbner den Auftrag, wollen wir uns einmal dieses Projekt genauer
betrachten. Ähnelt es doch sehr dem später gebauten Projekte und es hat den
Anschein, dass Illgen eben dieses Lossow und Viehwegersche Projekt den Herren
Schilling und Gräbner als Vorlage lieferte, zumal in der Ausschreibung
ausdrücklich auf das Recht des Bauherren hingewiesen wurde, die eingelieferten
Projekte für sich als sein Eigentum zu verwenden. Das rechts stehende Bild zeigt
einen Schnitt durch das Gebäude. Deutlich ist die dann später auch errichtete
Kuppel samt Laterne zu erkennen und man beachte die Planung der pompösen
Ausgestaltung des Restaurants und des Saales. Auch die Ausführung des Lichthofes
und des Balkons ähnelt sehr den später ausgeführten Bau und selbst eine
Figurengruppe, auf diesem Bild nicht zu sehen, machte sich an der Schauseite im
durchbrochenen Giebel an der Kuppel breit und auf dem Dach sollte eine Werbung
mit den Worten "Scharfes Restaurant" angebracht werden. Könnte man allerdings auch ein wenig
anders deuten. Was sagen nun die Juroren zu diesem
Projekt? Des Lobes voll waren sie ob der günstigen Raumaufteilung durch die
Gruppierung aller notwendigen Anbauten und technischen Einrichtungen um den
zentralen Lichthof. Ebenfalls als ausgezeichnet wurde die Form des Durchgangs
von der Ringstraße zur Amalienstraße als Passage empfunden, wenn auch, als
kleines Minus, der Eingang zum Restaurant und zur Schwemme, wie die sattsam
bekannte Dresdner "Schdeebiebe" in dem Projekt benannt wurde, etwas "gequält"
sei. Dem könne man allerdings mit einer Nichtausführung eines Ladengeschäftes
und der Verwendung des Platzes zu eben diesen Eingang abhelfen. Gleich mehrer
Varianten lieferten Lossow und Viehweger zur Ausgestaltung des ersten
Obergeschosses zum Restaurant mit Bühne an verschiedene Stellen des Raumes bis
hin zum Konzertsaal und Räumen für Gesellschaften. Auch die Aufteilung der
Obergeschosse wurde gut gelöst, wenn auch meines Erachtens nicht in der Qualität
wie im Projekt von Th. Martin. Zum eigentlichen Wohnen waren die Räumlichkeiten
nicht geeignet, war jedoch auch nicht in der Planung so gewünscht. Dafür waren
die Ateliers für einen Fotografen (an der Seite zum Pirnaischen Platz zu) bzw.
für Maler (an der Seite zur Ringstraße zu und demnach mit bei den Malern
beliebten Licht aus westlicher, besser wäre noch nördlicher Richtung)
hervorragend ausgebildet. Untenstehend einmal drei Etagengrundrisse:
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Der linke Riss zeigt das Erdgeschoss des geplanten Gebäudes mit der Passage, dem Erdgeschossrestaurant nebst "Schdeebiebe" und den geplanten Ladenlokalen. Das mittlere Bild eine Variante des Restaurantgeschosses ohne jeglicher Zwischenwände und mit Bühne an der nördlichen Seite mit dem um den zentralen Lichthof gruppierten notwendigen Innenlebens eines Hauses samt der Errungenschaften der damaligen Zeit. Der rechte Riss zeigt das vierte Geschoss des Gebäudes mit den Ateliers.
Schilling
und Gräbner zogen nun das Gebäude, späterhin als Kaiserpalast benannt, ab dem Jahre
1895 an eben dieser Stelle hoch. Erdgeschoss und erste Etage mit Sandstein
verkleidet, die oberen Etagen verputzt. Der von Illgen geforderte Balkon wurde
rings um die erste Etage umlaufend ausgeführt, in Abänderung des Entwurfs von
Lossow und Viehweger. Und auch die 4. Etage wurde ein wenig anders gestaltet,
wenngleich ebenfalls als Ateliers. Der bombastische plastische Schmuck am
Gebäude wurde gar noch ein wenig dicker aufgetragen und gab dem Bauwerk sein
neubarockes Aussehen. Das wiederum wurde, sowohl als das Stadtbild in wirksamer
Weise schmückend, auch auch als zu überladen angesehen. Besonders im oberen
Bereich (siehe Schumann, Dresden in der Reihe Berühmte Kunststätten, Seemann
Verlag 1922). Auch Gurlitt kritisierte in einem Zeitungsartikel im Jahre 1908
allzu dick aufgetragenen der Barockzeit nachempfundenen Fassadenschmuck im
Allgemeinen und den des Kaiserpalastes und, den noch schlimmeren des
Zentraltheaters an der Waisenhausstraße im Besonderen. Einige Jahre nach der
Errichtung des Gebäude war die Zeit solches Firlefanzes sowieso vorbei und auch
das Architektenpaar Schilling und Gräbner widmete sich nun architektonisch
wertvolleren Bauwerken, wie zum Beispiel der Zionskirche in der Südvorstadt
(heute leider Ruine und als Lapidarium der Stadt Dresden genutzt). In der
Bausubstanz noch weitgehend erhalten deren doppeltürmige Christuskirche in
Dresden Strehlen zu. Bleiben wir aber beim Kaiserpalast am Pirnaischen Platz.
Im
Dezember 1897 wurde Otto Scharfes Restaurant eröffnet und erfreute sich zugleich
großer Beliebtheit. Für das einfache Volk die "Schdeebiebe" mit Eingang von der
Amalienstraße, für das zahlungskräftiger Publikum die Restaurationen im
Erdgeschoss und in der ersten Etage.
Ausgestattet
mit einem Marmorsaal (wenn auch künstlich) und allem innenarchitektonischen
Schnickschnack der Gründerzeit. Auf der Bühne spielte täglich eine
Kaffeehauskapelle Ohrwürmer dieser Zeit und die neuesten Zeitungen lagen
ebenfalls für das geschätzte Publikum aus. Auch eine Bar gab es. Allerdings
musste diese, laut Polizeiverordnung, schon vor Mitternacht schließen. Aber die
braven Dresdner Bürger gehen ja sowieso zeitig in die Falle. Das links stehende
Bild zeigt eine Aufnahme vom Inneren des Restaurants in der ersten Etage.
Vorgestellt in der Wochenendbeilage des Dresdner Anzeigers vom 31. Oktober 1936.
Da trauerte man dem Etablissement wohl schon nach, denn nach 1920 schloss die
gesamte Gastronomie ihre Pforten und die Commerzbank zog in das Gebäude. Aber
nicht nur diese, denn das Adressbuch des Jahres 1940 nennt als Mieter des zu
dieser Zeit zur Illgen - Stiftung gehörenden Gebäudes neben eben dieser
Commerzbank, welche den gesamten einstigen Gastronomiebereich des Erdgeschosses
und der ersten Etage einnahm, die Ladengeschäfte Frenzel, Schindler und Krumm.
Die zweite und einen Teil der dritten Etage belegte die Deutsche Gasolin
Aktiengesellschaft mit Büroräumen und ebenfalls in der dritten Etage hatten die
Pragrafenverdreher Barmann und Hennig ihre Kanzlei. Es folgt die vierte Etage
mit dem Photoatelier Horst Meier. Weiterhin klangen stimmliche Etüden aus den
Räumen, hatte doch die Gesangslehrerin Doris Winkler darin ihren Flügel stehen
und malträtierte ihre Kundschaft. Diese wollten wohl den großen Sprung auf die
Bühne schaffen und DSDSS samt des albernen Bohlen war ja zu dieser Zeit noch
nicht erfunden. Letztlich hauste noch der Heizer des Gebäudes unter dem Dach.
Und unter dem Dach, jedoch Außen vor der Kuppel angebracht befand sich die in
einem durchbrochenen Giebel angeordnete Figurengruppe. Schöpfer war Hans
Hartmann Mac Lean. Sie soll das Varietétheater allegorisch darstellen. Nun gut,
wem´s gefällt. Die untere Bildreihe zeigt einige Detailansichten des
Kaiserpalastes. Links die Seite von der Ringstraße her gesehen, in der Mitte die
Mac Lean´sche Figurengruppe und rechts die Ansicht des Kaiserpalastes, wie sie
sich von der Amalienstraße zeigte.
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Und noch einmal zwei Bilder vom wohl bekanntesten Gebäude des alten Dresdner Pirnaischen Platz. Links eine kolorierte Ansichtskarte mit der sattsam bekannten Aufnahme des Kaiserpalstes nebst der Amalienstraße und rechts eine Privatfotografie mit Blick aus der Amalienstraße zum Kaiserpalast. Im Hintergrund ist die Mohrenapotheke an der südlichen Seite des Pirnaischen Platzes und der Rathausturm zu erkennen.
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Im
Februar 1945 wurde das Gebäude beim Bombenangriff schwer beschädigt. Viktor
Klemperer beschreibt in seinen Tagebüchern, wie die Kuppel schaurigen
weißglühenden Feuerschein über den brennenden Pirnaischen Platz warf. Das links
zu sehende Foto zeigt das ausgeglühte Betongerippe in einer Aufnahme der
deutschen Fotothek Dresden aus dem Jahre 1949, umgeben von Schutt und Ruinen,
welche das zwölf Jahre dauernde 1000jährige Reich übrig gelassen hat.
Zwei
Jahre später ist die Fläche beräumt. Die Planung sah das schon immer gewünschte
Projekt einer großzügigen Straßenverkehrsführung vor. Außerdem waren Gebäude in
diesem Neobarockstil ganz einfach nicht mehr gefragt, hatten doch die Bürger
andere Sorgen. Heute fließt deshalb zum einen der in Richtung Hauptbahnhof
fahrende Straßenverkehr über dieses Areal, zum anderen Teil befindet sich an
dieser Stelle eine Grünanlage. Andere Bauten prägen das Bild des Pirnaischen
Platzes, das wäre aber eine neue und weitere Geschichte. Bleibt die Frage ob man
eventuell ein Replik dieses Gebäudes erschaffen soll, wie es ab und zu zu hören
ist. Ich bin der Meinung keineswegs. Da müsste man zunächst die ganze
Verkehrsführung umkrempeln, dann wäre die finanzielle Frage zu stellen - man hat
auch heute noch wirklich andere Sorgen als den Wiederaufbau eines
Gründerzeithauses mit falschen barocken Kinkerlitzchen an der Fassade - und
letztlich sind Gaststätten und Säle in dieser Größenordnung heute nicht mehr
gefragt. Ein Leerstand wäre ganz einfach vorprogrammiert, zumal die
Mietforderungen bestimmt nicht gerade als gering einzustufen sein wären. Wie
hieß doch das Kennwort in einem der Entwürfe:
Nobis bene, nemini male
| Das tägliche Dresdenbild |
Matthias Starke |