Robert Bernhardt

Eine kurze Geschichte des gleichnamigen Warenhauses am Dresdner Postplatz


Vor 100 Jahren, am 8. März 1909 wurde die modebewusste und kaufkräftige Dresdner Damenwelt mit einem besonderen - wenn es diesen zu diesem Zeitpunkt schon gegeben hätte - Frauentagsgeschenk bedacht. Unweit des Postplatzes, an der Annenstraße, vis á vis dem Hauptpostamtes, öffnete das zu dieser Zeit modernste Warenhaus in Dresden erstmals seine Pforten. Grund genug ein wenig in der Geschichte des Hauses zu blättern.
Im Jahre 1865 gründete Robert Bernhardt sein Modewarengeschäft in der Wilsdruffer Vorstadt. Am Freiberger Platz, der früheren so genannten Entenpfütze, handelte er mit Klamotten, die die Damenwelt erfreute. Mit der Zeit wurden jedoch seine Geschäftsräume zu klein. So vergrößerte er sein Ladenlokal indem er die Geschäftsräume des Nachbarhauses erwarb. Doch bald genügten auch diese Räume, Freiberger Platz 18 und 20, nicht mehr seinen Ansprüche. Auch wollte er wohl noch etwas näher in die Innenstadt. Die unmittelbare Nähe der Kanalgasse mit dem Klientel welches dort wohnte beziehungsweise verkehrte, diente wohl auch nicht gerade der Hebung der Geschäftsergebnisse. Kurz, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erwarb Robert Bernhardt eine Reihe bebauter Grundstücke zwischen der Annenstraße und der Großen Zwingerstraße in unmittelbarer Nähe des Postplatzes. Die darauf stehenden Häuser, auch nicht mehr auf der Höhe der Zeit, wurden kurzerhand abgerissen. Was kümmerte ihm da die dortigen Geschäftsinhaber? Diese mussten sich ein Ausweichquartier suchen. Wie auch diese Postkartenvilla und Papierhandlung von Max Winkler, welcher sein Ladengeschäft später etwas weiter stadtauswärts in die Annenstraße verlegte. Meine Güte, eine Postkartenvilla. Das wäre doch heute die wahre Fundgrube für alle Interessierten der Geschichte Dresdens. Das untere Bild zeigt das Areal des künftigen Kaufhauses an der westlichen Seite des Postplatzes, von der Ecke Sophienstraße her gesehen, bevor die sich darauf befindlichen Gebäude abgerissen wurden. Die Ladenpavillons zum Postplatz hin, die blieben jedoch stehen. Diese sollten erst mit einem immer wieder geplanten und nie ausgeführten Umbau des schon damals gescholtenen Postplatz verschwinden. Mitte April des Jahres 1908 wurde mit dem Abbruch dieser Häuser begonnen und die Baugrube ausgeschachtet. Doch hier traten schon die ersten Schwierigkeiten auf. Das Areal gehörte einst zum Wallgraben, den man mit der Niederlegung der Festungsanlagen mit deren Schutt verfüllte. Bis in 14 Meter Tiefe reichte der Schutt in dem verschlammten Gelände. So wurde nach Aushebung der Baugrube umfangreiche Sandschüttungen vorgenommen, auf welche dann Eisenbetonplatten gegossen worden, auf welchen dann die Tragpfeiler des Gebäudes errichtet worden sind. Trägerroste sollten noch zusätzlich den Bau sichern. Die Vorbereitung des Baugrundes nahm erhebliche Zeit in Anspruch, so das mit dem Hochbau erst im August des gleichen Jahres begonnen werden konnte. Liest man das allerdings heute so, da scheint die Zeit doch relativ kurz, wenn man sich den Fortschritt in der Bauausführung heutiger Bauten betrachtet. Der Hochbau selbst wurde innerhalb eines halben Jahres ausgeführt und, sicher war das schon eine Bedingung in der Planung; die markante zurückspringende Ecke an der Annenstraße war eben einer geplanten Korrigierung der Baufluchtlinien am Postplatz geschuldet womit man, wie so in der "Bauwelt" vom 8. Mai 1909 geschrieben:
" ...so einen sehr schmalen, handtuchartigen Frontstreifen am Postplatz vermeidet...".

In der schon genannten Fachzeitschrift wird über eine Besichtigung des Kaufhauses durch den Dresdner Architektenverein am 4. April 1909 unter Führung des federführenden Architekten C. Schümichen berichtet. Schließen wir uns einfach dieser Besichtigung an. Nach Maßgabe des Bauherren sollten nur ortsansässige Firmen das Haus erbauen und einrichten. Die bekannte Firma Kelle & Hildebrandt errichtete das Stahlskelett, die Ausführung der Hochbauarbeiten oblag dem Baumeister Hermann Richter. Bildhauer Georg Ullrich zeichnete für den Schmuck, sowohl für den Äußeren auch als für den Inneren verantwortlich. Auch der gesamte Innenausbau lag in den Händen Dresdner Firmen beziehungsweise aus dessen Umland. Betreten wir nun nach dieser Vorbetrachtung das Etablissement. Jeweils zwei Eingänge hatte das Haus. Links zu sehen der Eingang von der Annenstraße, rechts von der Großen Zwingerstraße her. Jeweils drei Schaufenster an den Straßenfronten luden zum Betrachten der Auslagen ein. Ein viertes, so genanntes Interimsschaufenster, befand  sich rechts neben dem Eingang zur Annenstraße hin. Dieses sollte wohl wieder verschwinden, wenn der geplante Umbau des Postplatzes vollzogen wird. Apropos Schaufenster. In den dermaligen Tageszeitungen und auch im Bericht über die Führung wird extra bemerkt, dass diese nach den dahinter liegenden Verkaufsräumen vollständig Feuersicher abgeschlossen sind. Überhaupt wurde auf die Brandsicherheit sehr viel Wert gelegt. Die drei Personenaufzüge, hergestellt von der renommierten Firma Kühnscherf, waren mit besonders feuersicheren Türen des Systems des Tischlermeisters Georg Geyer - was auch immer das sein mag - ausgestattet. Ebenso die Treppenhaustüren. Überall waren vollautomatische Feuermeldeanlagen angebracht, die einen eventuellen Brand an die Hauptfeuerwache melden sollten. Der Weg dahin war ja nicht weit. Das in allen Etagen überdies noch Feuerlöscher, Hydranten und Löscheimer in Feuerschränken vorhanden waren, das war dem Bericht auch noch eine Erwähnung wert.
Wenn wir vom Eingang der Annenstraße eintreten, so erreichen wir sofort einen geräumigen Innenhof, mit einer gewaltigen Glaskuppel überdacht. Mit einer Länge von 16 Metern und einer Spannweite von 10 Meter wurde der Einkaufstempel überdacht. Eine geräumige Treppenanlage führte zu den Verkaufsgalerien, auf deren ersten Absatz ein Schmuckbrunnen aufgestellt war. Natürlich war, aus Gründen des Brandschutzes, diese Treppenanlage aus Beton gefertigt und das Geländer, sowie das der beiden Galerien, eine Eisenkonstruktion. Links und rechts des Treppenaufganges standen Schmuckkandelaber, ebenfalls gefertigt im Stile dieser Zeit, aus dem Hause der Firma Seifert in Mügeln. Dieser geräumige Lichthof sorgte für eine, wenn auch sicherlich diffuse, Beleuchtung am Tage. Reichte das durch das von der Kunstglaserei Horst Heymann gefertigte Oberlicht mit seiner zum Teil mit Ornamenten versehenen Verglasung eintretende Tageslicht nicht mehr aus, erhellten 150 Bogenlampen und die zehnfache Anzahl an Glühlampen die Verkaufs- und Büroräume. Auch an den Fassaden zur Annen- und Großen Zwingerstraße hin befanden sich Außenlampen, die das Haus wohl  im magischen Licht erscheinen ließen. Auf das damals noch vielfach übliche Gaslicht wurde vollständig verzichtet. Der Strom für die Beleuchtung und die Aufzüge lieferte ein eigenes kleines Kraftwerk, hergestellt vom Sachsenwerk Dresden - Niedersedlitz, welches mit der Heizung gekoppelt im Kellergeschoss untergebracht war. Ein Schornstein ragte über das Dach hinaus und ist auf Vorkriegs- und ersten Nachkriegsaufnahmen vom Areal als markanter Punkt zu erkennen. Im Kellergeschoss befanden sich auch die Personalräume und eine Kantine für die Mitarbeiter sowie ein Teil der umfangreichen Warenlager. Das links zu sehende Bild zeigt den überglasten Lichthof mit der Treppe und dem Brunnen auf dem ersten Treppenabsatz. Insgesamt 1280 qm betrug die Verkaufsfläche. Im Erdgeschoss gab es, wie schon damals üblich, das "Kleinzeug", passendes Accessoires - eben die Lockartikel, mit denen man die Laufkundschaft anbinden wollte. Sicherlich nahm auch selbige diese, besonders bei Schmuddelwetter, bequeme Abkürzung zwischen der Großen Zwinger Straße und der Annenstraße, quer durch das Warenhaus gern in Anspruch, ersparte man sich doch den Weg vorbei am Reichsposthotel oder über die Wettiner Straße. Auf den umlaufenden Galerien der 1. und 2. Etage befanden sich die Konfektionsverkaufsstände, zu denen man über die, wir nennen sie ganz einfach mal so, Promenadentreppe, als auch mit den drei vorhandenen Personenaufzügen gelangte. Zwei weitere Treppenhäuser, allerdings nicht ganz so schmuckbeladen, befanden sich innerhalb des Gebäudes zur Großen Zwingerstraße hin. Deren Ausgänge sind am rechten Bildrand der Aufnahme von der Zwingerstraße her gerade noch zu erkennen. Eine weitere Treppenanlage befand sich an der Seite zur Annenstraße hin, führte jedoch in den ebenfalls überdachten Wirtschaftshoch und diente daher wohl als Personaltreppe. Apropos Personal. Die dritte Etage barg an der Ecke zum Postplatz hin und somit mit der schönsten Aussicht, das Chefzimmer. Auch die Buchhalterei, die Packerei und die Versandabteilung waren in diesem Geschoss untergebracht. An der Seite zur Großen Zwingerstraße hin befanden sich drei Kollektionszimmer, wo sicherlich manch Weiterverkäufer stolz hingeführt wurde und die Handelsreisenden ihre Verkaufsmuster ausbreiten durften. Die gesamte vierte Etage war der Schneiderei vorbehalten, während sich unter dem Dache noch einmal ausgedehnte Lager befanden. Auf dem Dach über dem Wirtschaftshof hatte man sinniger Weise einen Platz zum Teppich klopfen geschaffen. Klar doch, sauber gemacht muss ja auch werden und im Hause gab es nicht schnöde Ankleidekabinen mit einem Vorhang zum Zuziehen davor, sondern teppichbelegte separate Anproberäume mit luxuriöser Ausstattung. Und natürlich war auch ein Erfrischungsraum vorhanden. Die zu zahlende Männerwelt wollte ja nicht verdursten, während ihre Gattinnen sich stundenlangen Einkäufen hingab. Otto Reuter hat ja mit seinem Couplet über den Blusenkauf solchen Einkaufgebaren ein Denkmal gesetzt. Die untere Bildreihe zeigt die Grundrisse dieses damals modernsten Geschäftshauses. Von links nach rechts das Erdgeschoss, die erste Galerieetage und die Büroräume in der dritten Etage.

 

 

Bleiben wir noch einmal  bei der Außenfassade. Die Seite zum Postplatz hin blieb, wohl eben auch in der Annahme einer geplanten Umgestaltung mit veränderten Baufluchtlinien fensterlos und diente, da ja es immer nur beim Wollen einer Verbesserung blieb, bis 1945 als Werbeträger für alle möglichen Dinge. Das rechts stehende Bild zeigt das Haus zu der Zeit, als der Postplatz durch verkehrlichen Umbau auch wieder einmal verschlimmbessert wurde, im Jahre 1927. Zuletzt warb die Fassade für die sächsische NSDAP - Gazette "Der Freiheitskampf". Auf diese Werbung hätte man getrost verzichten können, die Auswirkungen - nicht nur für dieses Gebäude - sind  allzu bekannt. Im früheren Domizil von Robert Bernhardt am Freiberger Platz zog dann übrigens ein Lichtspieltheater. Bleiben wir aber noch einmal beim Jahre 1909. Der Bericht über die Besichtigung des Warenhauses durch den Dresdner Architektenverein schließt mit den Worten:

"Nach der Besichtigung der umfangreichen Heizungs- und Lichtanlage im Untergeschoß vereinte man sich in der Personal-Kantine, wo der Erbauer einen trefflichen Imbiß darbot und die Damen mit sinniger Osterspende erfreute. Des Dankes aller Teilnehmer dürfen Hr. Schümichen und die Firma Robert Bernhardt versichert sein."

Tja, eine sinnige Osterspende. Wohl verbunden mit der höflichen Aufforderung, doch einmal das Modehaus nicht nur im Rahmen einer Besichtigung zu besuchen. Einige Jahre später wütete der Schrecken des Ersten Weltkrieges und die beginnende inflationäre Entwicklung machte dem Unternehmen zu schaffen und am Anfang der 1920er Jahre kam das Aus. Die Firma ging nach über 50 Geschäftsjahren in Liquidation und das Geschäftshaus wurde kurz darauf geschlossen.

Das Haus stand jedoch nicht lange leer. Die Reichspost, immer über Raumnot klagend, erwarb das Gebäude und richtete es als Postscheckamt ein. Zunächst erst einmal, der Inflation wegen, provisorisch, bis sie es dann zum Zwecke eines Bürohauses umbaute. Die Schaufenster wurden umgestaltet und nahmen das Aussehen der eines Bürogebäudes an, auch die Dachlandschaft wurde verändert. Der größte Umbau fand jedoch im Innern statt. Im Erdgeschoss wurde der Raum von der Annenstraße her bis zum Beginn des Lichthofes abgetrennt und als Schalterhalle eingerichtet. Der Lichthof selbst und auch der Eingang von der Großen Zwingerstraße war nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich. Auch hier wurde der Raum bis zum Lichthof abgetrennt und zum Teil Werkstätten für die Post eingerichtet. Auf den einstigen Verkaufsgalerien befanden sich die Räume für die effiziente Büroarbeit. Das Haus bekam ebenfalls Anschluss zur Rohrpostanlage, welche schon im Hauptpostamt, der benachbarten Oberpostdirektion und im Telegrafenamt, dem eigentlich ersten Postamt am Platz vorhanden und untereinander verbunden war. Bis zum Jahre 1945 diente das Gebäude als Postscheckamt.

Der Februar 1945 brachte auch die Zerstörung dieses Hauses. Es brannte vollständig aus, das Skelett war ausgeglüht, das Dach des Oberlichtes lag verbogen auf der Ruine und die Fassade zum Postplatz hin war weggerissen. Bekannt ist die Aufnahme von Richard Peter, welcher aus dem einstigen Warenhaus den Postplatz fotografierte, umrahmt vom Riss der Fassade des Flügels an der Annenstraße. Das rechte Bild zeigt die Ruine kurz vor ihrer Niederlegung, die im Jahre 1951 geschah. Nachdem die Post zugesichert hatte keinen Anspruch an der Ruine erheben zu wollen, wurden die Reste des Hauses mühselig abgetragen. Eine Sprengung der Ruine kam auf Grund der Verkehrslage nicht in Betracht. Im Sommer 1951 war vom einstigen Prachtbau, welchen Robert Bernhardt einst zur Hebung seines Geschäfts errichten ließ, nichts mehr zu sehen und auch die Keller wurden verfüllt. Heute befindet sich an dieser Stelle, wie an so vielen am Postplatz, eine Brache. Es bleibt zu wünschen, dass mit der begonnenen und diesmal besseren Neugestaltung des Platzes - obwohl es da bekanntlich auch schon wieder oder immer noch besonders heftige gegenteilige Meinungen gibt - dieses Areal wieder mit einem Hochbau ausgefüllt wird. Zwar sind Postscheckämter heute nicht mehr gefragt und ein pompöses Modewarenhaus? Doch glaube auch das würde sich kaum noch rechnen. Zu nahe ist die Altmarktgalerie, welche ja in nächster Zeit erheblich vergrößert werden soll und einen eventuellen Kundestamm wohl nicht aufkommen läßt.


 Das tägliche Dresdenbild

Matthias
Starke