Aus finstrem Barock wird lichter Jugendstil

Am 21. Februar 1909 wurde die Annenkirche nach Umbau wiedergeweiht


"Die ersten Engel dürfen schon mal herausschauen. "Da oben"..." So beginnt der Artikel in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21. Februar 2009 über den einhundertsten Jahrestag der Wiederweihe der Dresdner Annenkirche nach deren Umbau, besser gesagt, fast Neubau. Ich füge hinzu; die ersten Engel hätten erschrocken sich wieder selbst eingemauert, wenn sie hätten sehen können wie dieser Wiederweihe am 22. Februar 2009 gedacht wurde. Aber dazu später. Das links zu sehende Foto zeigt die freigelegte musizierende Engelschar linkerhand der Orgelempore, welche im Jahre 1939 einfach zugemauert worden sind. Zu sehen auch eine der beiden Probeachsen für die geplante neuerliche Restauration der Kirche, welche dabei wohl wieder ihre einstige lichtgraue Farbgebung erhalten soll. Doch warum wurde in den Jahren 1906 bis 1909 die einst in barocker Form erbaute Annenkirche überhaupt umgebaut? Ein Umbau der von manch einem heute bedauert wird? Wenn im schon besagten DNN - Artikel viel über Mutmaßungen, über hätte und könnte geschrieben wird, so bringen intensivere Nachforschungen ein wenig Licht in das vermeintliche Dunkel der Gründe des Umbaus. Doch zunächst erst einmal ein kurzer Abriss über die Geschichte der Annenkirche. Die Viehweide, das Gerberviertel, Poppitz und Fischersdorf (in einer Serie des "Täglichen Dresdenbild" schon einmal umfassend vorgestellt), bildet das Rückrat der Annengemeinde. In der Zeit des Mittelalters stand am heutigen Freiberger Platz die Kapelle des Bartholomäistifts. Seelsorgerisch betreut zum einen von der Kreuzkirche, als auch, und in der Hauptsache, vom Pfarrer aus Plauen. Ab dem Jahre 1546 ein Nicolaus Fleischmann unter dessen Amtszeit im Jahre 1563 ein Diakon für "St. Bartolomesen zu Dresden" berufen wurde. Für seine Tätigkeit erhielt dieser freie Wohnung im Stift, eine Geldzuwendung von 37 Gulden und Naturalienabgaben von 23 Scheffel Korn. Ganz ohne Eigennutz war die Berufung des Diakons nicht, denn Pfarrer Fleischmann litt unter Sehschwäche und der Herr Diakon hatte auch, wenn es ganz besonders schlimm kam, die Plauener Seelen wegen "Herrn Niclas Gesichtsschwachheit mit dem heiligen Sacrament zu versehen". So bemerkte es Lindau in der Geschichte der königlichen Haupt- und Residenzstadt (Seite 293). Treffender beschreibt das Dibelius in der Festschrift zur Jubelfeier der Annengemeinde im Jahre 1878, in dem er wörtlich die Beschwerde der Plauener Gemeinde wiedergibt, nachdem ihr "Geistlicher, ein durchaus würdiger Mann, so kurzsichtig geworden sei, daß er in der Regel den Wein verschütte, sooft er den Kelch verwalte beim Sakramente". Schlimmer waren jedoch die Baulichkeiten des Bartholomäuskirchleins. Sie konnte in ihrer Enge die Gottesdienstbesucher oft nicht fassen, zumal auch aus den entfernten Dörfern bis hin von Dölzschen und Naundorf die Kirchgänger kamen. Bei schönem Wetter wurde deshalb der Gottesdienst unter freiem Himmel gehalten. Zu diesem Behufe hatte man außen ein Kanzel angebracht. Abhilfe tat not. Auch der Kirchhof um das Bartholomäuskirchlein platze aus allen Nähten und selbst genesende Patienten sollten nach ihrem späteren Ableben als ruheloser Geist durch Areal wabern. So der Sage nach der Weihbischof von Meißen. Nach dieser Erzählung nannte man nun nicht nur den Teich die Entenpfütze, sondern auch das Gebiet um das Kirchlein den "Geist". Daraus entstand später die mitunter fälschliche Bezeichnung "Zum heiligen Geist" für das Bartholomäusstift. Die Gemeinde, wandte sich an den damaligen Machthaber, Kurfürst August, vielmehr an dessen Gemahlin, die streng gläubige "gute Mutter Anna" ob einer Erbauung einer neuen größeren Kirche und der Anlegung eines neuen Friedhofes. Am 10. März 1578 schenkte der Kurfürst der Vorstadtgemeinde ein am südlichen Rande der Entenpfütze, direkt am Mühlgraben gelegenes einst zur Viehzucht benutztes Vorwerk, den so genannten "Barchenthof" (Eberzucht oder Wollweberei? Beides bezeichnet der Begriff Barchent). Noch am selben Tage wurde der neue Friedhof geweiht und auch das erste Begräbnis vorgenommen. Ob allerdings der Name der Verstorbenen Anna tatsächlich nur Zufall war, ich glaube es eigentlich nicht, denn auch zu dieser Zeit wusste man wohl schon auch zu klappern. Dankbar über das Geschenk ließ die Gemeinde auf dem Areal des Vorwerks und nun Friedhofes die erste Kirche Dresdens nach der Einführung der Reformation errichten. Mit geldlicher Unterstützung des Kurfürsten, aber auch mit sanften und bestimmten Druck von dessen an die anwohnenden Vorstädter sich mit Spenden an Geld und Baumaterial zu beteiligen, ward die neue Kirche innerhalb nicht einmal eines halben Jahres errichtet und wurde am 26. Juli 1578 mit dem Predigttext der Geschichte von der Einweihung des salomonischen Tempels (1. Könige 8.) von Stadtsuperintendent Magister Daniel Greser geweiht. Das rechts zu sehende Bild zeigt die erste Annenkirche in der späteren Wilsdruffer Vorstadt. Zugegen bei der Weihe der Kirche waren natürlich auch Kurfürst August und Mutter Anna, und das Datum, der Tag der heiligen Anna, zuvor noch das Erstbegräbnis einer Anna, dem Namen Annenkirche stand nichts mehr im Wege. Allerdings zollte der schnelle Bau der Kirche seinen Tribut. Nicht nur die Gemeinde war hoch verschuldet, auch der Bau selbst zeigte erste Mängel. Mehr noch, eigentlich hatte die Kirche keinen "richtigen" Altar. Erst 1598 erhielt die Kirche den alten Altar des Freiberger Domes, welcher aber zunächst für viel Geld repariert werden musste. Es mussten weitere sechs Jahre folgen, bis aus der Predigtkirche kirchenrechtlich eine Pfarrkirche wurde. Im Jahre 1618 wurde mit der Vergrößerung von Kirche und Kirchhof begonnen und ein Jahr später mit der Aufsetzung des schlanken Turmes beendet. Dieser Turm, ein Werk des Zimmermeisters Georg Beger und des Maurermeisters Donat Stoll, bestimmte dann als Dominante die Wilsdruffer Vorstadt und ist auf dem linken Bilde zu sehen. Etwas eigenartig mutet es dann allerdings an, wenn Assisi in seinem Panorama "1756 - Das barocke Dresden" den späteren Bau der Annenkirche hineinsetzt, aus dem Grunde, weil: "...das Aussehen der alten Annenkirche unbekannt ist, erscheint im Panoramabild der Neubau Johann Georg Schmiedts von 1764 - 1769" . (Offizieller Katalog, Seite 72). Das in diesem Katalog auch noch der Name des einstigen Nachfolgers Bährs gleich zweimal falsch geschrieben ist, zeugt nicht gerade von einer umfassenden Korrekturlesung.  Doch zu diesem weiteren Neubau kommen wir noch. Der neue schlanke Kirchturm bekam vier Glocken. Zwei Glocken aus dem alten Turme, zwei gebrauchte wurden von anderen Gemeinden abgegeben. Vier Tage vor der Wiederweihe wurde das Geläut in den Turm eingesetzt und am 14. August des Jahres 1619 riefen die zu ersten Gottesdienst in die erweiterten Annenkirche. Im Jahre 1680 wurde durch den Einbau weiterer Emporen mehr Platz in der Kirche geschaffen und 1727 hatte der alte Freiberger Altar, welcher an der Nordseite der Kirche stand, endgültig ausgedient. Er wanderte nach Plauen und die Annenkirche erhielt den Altar aus der abgerissenen Frauenkirche am Dresdner Neumarkt. Nachdem 1735 während einer Trauung ein Blitzschlag zum Tode einer Heimbürgin und zum beginnenden Brand in der Annenkirche führte - dieser wurde, da aber eben ob der Trauung Menschen in der Kirche waren glücklicherweise schon im Entstehen gelöscht - erhielt der Turm noch einen Blitzableiter. Nicht gelöscht werden aber konnte der Brand, den die Furie des Krieges verursachte. Am 20. Juli 1760 steckten marodierende preußische Truppen die sich neben der Kirche befindliche Annenschule in Brand, indem sie eine brennende Pechfackel in das Bett eines Alumnen legten. Selbst die Bitte nach Erbarmen und das Angebot von Geldgeschenken ließen die die Herzen der Freischärler und Jäger nicht erweichen. Dieser Brand weitet sich nicht nur rasend schnell auch auf die Annenkirche, sondern auch auf die gesamte Wilsdruffer Vorstadt aus und einige Stunden später waren von diesem Stadtviertel und seiner stolzen Kirche nur noch rauchende Ruinen übrig.
Interimsmäßig wurden von nun an die Gottesdienste im so genannten Malersaal, dieser befand sich am heute noch so danach heißenden Malergässchen zwischen Theaterstraße (Gerbergasse) und Ostraallee gefeiert, aber es wurde auch schon an den Neubau der Annenkirche gedacht. Landeskollekte und Kirchenlotterie brachten mit die notwendigen Geldmittel zusammen, die letztlich allerdings nur für einen turmlosen Saalbau reichten. Der damalige Ratsmaurermeister Johann Georg Schmid (so richtig geschrieben) reichte 1764 die Pläne ein und veranschlagte die Bausumme auf 56.000 Taler. Chevalier de Saxe genehmigte den Bau und sogleich wurde losgeklotzt. Bei der Gründung wurde der Grundstein der abgebrannten Kirche gefunden (wieder mit verwendet?) und die Maurermeister Christian Spiess und Johann Christoph Sickert errichteten das 33 x 23 Meter rechteckige Langhaus, mit Vorbau für einen Turm, aber ohne Apsis. Die beiden Längsseiten wurden jeweils  im leichten Bogen zu einem Risalit hervorgezogen. Über den Toröffnungen zwei Kartuschen mit Sandsteinreliefs: "Die christliche Lehre" und der "christliche Glaube". Im  erstgenannten Relief ist der Wahlspruch Annas. "Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang" eingearbeitet. Über dem Haupteingang eine lateinische Inschrift, die auf die Zerstörung der Kirche im Kriege und dem Wiederaufbau hinweist. Aufgesetzt ein gefälliges Mansardendach. Im Innern der Kirche war der Lehrer Schmids, George Bähr, nicht zu verleugnen, wenn auch die Qualität in keiner Weise an die der Frauenkirche herankam. Zwölf hölzerne, auf Steinsockeln stehende Pfeiler, am Ende mit Engelköpfen versehen, trugen die Rundbögen, jedoch nicht die Last des Dachaufbaus. Diese wurde nur über die Außenwände abgefangen. In diese Pfeiler waren drei Emporen eingehängt, die untere als Betstübchen ausgearbeitet. Zu den Emporen führten zwar ausreichende, aber hölzerne Treppen. Den Abschluss bildete eine Balustrade, Himmel genannt, mit Stehplätzen. Eine Flachdecke überspannte den ganzen Raum, auf dieser verewigte sich der Hoftheatermaler Johann Benjamin Müller mit einem Deckengemälde "Die Verklärung Christie". Ein in zarten Farben gemaltes, das man wohl heute in die Schublade des religiösen Kitsches stecken würde. Es fehlte weder die Glorie, der alttestamentarische Moses und die vier neutestamentarischen Evangelisten, noch diverse Engelchen sowie Putten und Ornamente der niedergehenden Barockzeit. Schon sehr bald verblasste das Deckengemälde und war nur noch bei ausreichender Beleuchtung zu erkennen. Und damit sah es in der Annenkirche ganz übel aus. Wohl auch deshalb galt schon zur Erbauungszeit die Annenkirche nicht gerade als Meisterwerk Schmids. Es war ganz einfach zu finster in der Hütte. Das durch die zwar ausreichend groß erscheinenden Fenster hereinflutende Tageslicht wurde durch die Anordnung der Emporen und der Betstübchen abgedunkelt und das aus den unteren, ebenfalls eigentlich großen unteren Dachfenstern, das schluckte der so genannte Himmel. So kam das eigentliche Meisterstück, der Altar, nicht richtig zur Geltung.
Und auch dieser Altar stammte von einer anderen Kirche. Auch die Kreuzkirche wurde ein Opfer des Krieges mit Preußen und neu aufgebaut. Der Altar der alten Kirche sollte nun die neue Annenkirche zieren. Hans Walther, sein heute noch bestehendes und wohl bekanntestes Werk ist das Moritzmonument, ist der Schöpfer des Kunstwerkes. Dieser Altar musste vor seiner Aufstellung umgearbeitet werden. Da die Aufstellung der Kanzel an einen der Pfeiler sowie die ebenfalls geplante Anbringung des Lesepultes am gegenüberliegenden nicht zustande kam, ob gewollt oder nicht ist unklar, wurde diese in den Altar hineingesetzt. Später, im Jahre 1869, wurden noch die beiden Glasfenster links und rechts vom Kruzifix eingepasst. Johannes der Täufer und den Evangelisten Johannes darstellend. Am 20. Juli 1760 fand die Weihe der neuen Annenkirche statt. Noch unvollendet, ohne Turm und Orgel, begann der Gottesdienst letztmalig in der Interimskirche, dem Malersaal. Von dort wurde in feierlicher Prozession, vorbei am Silberhammer und dem Wilsdruffer Tor das Altargerät zur Annenkirche getragen, wo der Superintendent die Predig hielt. Im Juli des Jahres 1815 begannen die Verhandlungen mit Gottlob Friedrich Thorrmeyer wegen der längst überfälligen Vollendung des Turmes. Diese zogen sich in die Länge und erst im Mai des Jahres 1822 begann er mit seiner Arbeit mit einem Volumen von 18.400 Talern. Obwohl es, wie üblich, Querelen gab und Thormeyer als Autorität in Bausachen galt, maßgeblich mit dem Straßenbau beschäftigt war, wurde der einzige klassizistische Kirchturm Dresdens vorfristig am im Oktober 1823 vollendet. Ein besonderes Meisterwerk ist dieser Turm auch nicht gerade, aber das ist wohl auch dem gestrengen Vorgaben und natürlich auch des üblichen Geldmangels geschuldet. Übrigens, Thormeyer musste noch lange Zeit um sein ihm zustehendes Salär nachsuchen. Jaja, die Bezahlung in der Baubranche, schon damals ein Übelstand. Mit der Weihe der 1500 Taler teuren Orgel des Orgelbaumeisters Kaiser zum Michaelisfest am 29. September1784 konnte man den Bau der Annenkirche als abgeschlossen betrachten. Dieses zweimanualige Instrument, natürlich auch Pedalwerk,  hatte bei 24 klingenden Registern 1682 Pfeifen, wovon 126 Prospektpfeifen waren. In der Folgezeit wurden weitere kleiner Veränderungen im Innern und Äußern der Kirche vollzogen, so ein neues Uhrwerk mit Gasbeleuchtung eingesetzt, eine Heizung und ebenfalls Gasbeleuchtung für das Kircheninnere eingebaut. Die Missstände konnten jedoch nicht behoben werden und so dachte man im ausgehenden 19. Jahrhundert über einen Umbau, ja sogar über einen generellen Neubau des Kirchgebäudes nach. Am 16. Februar 1897 brannte die Kreuzkirche am Dresdner Altmarkt ab. In der Auswertung des Brandes wurden die Richtlinien des Brandschutzes für den Kirchenbau verschärft. Auch in der Annenkirche saß man, vor allem wegen der winkligen und vollständig hölzernen Betstübchen, der hölzernen Treppen und anderen dem Zeitpunkt des Baus geschuldeten Missstände eigentlich auf einem Pulverfass. Eilig wurden eine Reihe brandschutztechnischer Veränderungen durchgeführt und der, so wird berichtet, nicht gerade aufgeräumte Dachboden gründlich entrümpelt. Sicher beflügelte dieser Brand auch die Umbaupläne und so wurde, im Juli 1902 beschlossen, einen Wettbewerb auszuloben, welcher im Mai 1903 abgeschlossen wurde. Der Architekt und königliche Baurat Richard Schleinitz gewann den ersten Preis und am 9. Juni 1905 wurde der Kirchenumbau nach seinen Plänen beschlossen und ihm die Leitung übertragen. Vom Neubau der Kirche auf dem Gelände des einstigen alten Annenfriedhofes am Sternplatz hatte man sich verabschiedet. Das Gelände wurde aber verkauft um auch hier die Mittel für den Kirchenumbau bereitzustellen. Ein später darauf geplanter Bau eines festen Zirkusgebäudes kam allerdings nicht zustande, es wurde auf diesem Areal das noch heute stehende Gebäude der Ortskrankenkasse errichtet. Wir ersparen uns irgendwelche Vergleiche der Bürokratie der AOK mit einem Zirkus zu ziehen und wenden uns dem Neubau der Annenkirche zu. Rechts ist ein Teil des Schleinitzschen Entwurfs, Blickrichtung Altar, zu sehen. Richard Schleinitz räumte ordentlich auf. Der gesamte Innenausbau, mehr noch, die Dachkonstruktion und der westliche Abschluss des Langhauses wurden komplett abgebrochen. Übrig blieben eigentlich nur die Längsseiten des Kirchenschiffes und der Turm nebst Unterbau. Zuvor fand allerdings am 10. Juni 1906 der letzte Gottesdienst in der alten Kirche statt. Die Gemeinde war zu dieser Zeit Gast in der Sophienkirche, lediglich das übliche Turmblasen zu Heiligabend fand wie gewohnt statt. Bei den Ausschachtungsarbeiten kamen längst vergessene Grüfte zu Tage. Einer der aufgefundenen Epitaphe ziert heute die rechte Seite der Vorhalle. Das linke Foto zeigt den Zustand der Baustelle nach vollendeten Abriss und Beginn des Aufbaus, gesehen von der Annenstraße aus. Natürlich regten sich zu dieser Zeit auch die Stimmen, die im Umbau der Kirche einen Verlust sahen. Jedoch wurden während dieser Abrissarbeiten weitere Baumängel entdeckt. So hatte das auf die Außenwände liegende Kirchendach zu deren Ermüdung erheblich beigetragen und über die Unzulänglichkeit der barocken Innenausstattung wurde ja schon geschrieben. Der alte Altar aus der Kreuzkirche wurde ausgelagert und fand, allerdings erheblich verkleinert, seinen Platz in der Kirche von Bad Schandau, wo er heute noch zu bewundern ist. Das ist vielleicht der einzige wirkliche Mangel am Umbau. Allerdings bekam die Kirche nun seit ihres Bestehens erstmalig einen für dieses Haus geschaffenen Altar. Regelrecht falsch ist im Anfangs erwähnten Artikel der DNN vom 21. Februar 2009 jedoch die Bemerkung, dass:
"vom Altar ... lediglich das Kalksteinrelief mit Goldgrund geblieben (ist), das Jesus und die Jünger in Emmaus zeigt." Übrigens, auch in diesem Artikel schreibt man den Architekten des nun abgerissenen Kirchenbaus falsch mit "dt". Das Reliefbild am jetzigen Altar ist eine Neuschaffung des Bildhauers Ernst Paul. Mit der tiefen Gründung wurde die Festigkeit der nunmehrigen zehn schlanken Pfeiler aus Eisenbeton gegeben, welche auch die Deckenlast tragen und diese nicht mehr auf die Seitenwände aufgelegt wurde. Die an ein Eisengerippe aufgehängte Decke wurde nunmehr in gewölbter Form ausgearbeitet und nicht mehr, so wie der gesamte Dachstuhl, aus Holz gefertigt. Das aus Gründen der Brandsicherheit die Treppen zu der einzigen ansteigenden Empore, sowie zur Orgelempore aus gleichem Material bestehen, braucht wohl nicht sonderlich erwähnt werden. Die größte Veränderung im Außenbereich brachte jedoch die Rückseite. Etwas nach außen gewölbt gewann man Platz für ein Treppenhaus mit interessanter Lösung. Die Treppenanlage führt ebenfalls zu den Emporen, zur wiederum in den Altar eingelassenen Kanzel (deren Anordnung allerdings 1909 als von Theologen umstritten bezeichnet wird) und zum Chorprobenraum. Lichtdurchflutet durch ein großes Fenster. Durchbrochen von einem sichtbaren Kämpfer, beleuchtet das obere Fensterteil mit rundem Abschluss den nierenförmigen Chorprobenraum. Links und rechts befinden sich zwei geräumige Sakristeien. Wedemeyer schuf ein Hochrelief, welches Christus zeigt, der einen Jüngling an seine Brust drückt. Dies soll den Spruch ausdrücken: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid". Die untere Bilderreihe zeigt das neu errichtete Außenfront vor 1945 und das Treppenhaus in der heutigen Zeit.

       

Wie hatte sich nun die Innenarchitektur der Kirche gewandelt. Vorbei die alte, finstere Kirche. Wenn auch manchem vielleicht schmerzte und auch heute noch weh tut das die Barockausstattung verschwunden ist, die Kirche erstrahlte im hellen Licht, lichtgrau gehalten mit sparsam vergoldeten Elementen. Betreten wir die Kirche vom Haupteingang. Nach dem Durchschreiten der Eingangshalle mit dem angebrachten Epitaph des Kulmbacher Kauf- und Bauherren Paul Bucher (gest. 1673). Eine Doppeltür führt uns in die dunkelbraun gehaltene so genannte Brauthalle, die es vor dem Umbau nicht gab. Auf Paneelen über den vier Türen sind Symbole angebracht, die auf hohe Kirchenfeste hinweisen. Das Lamm auf Ostern, die Taube auf Pfingsten, der Stern auf Weihnachten und die Lutherrose auf das evangelische Kirchenfest der Reformation. Eine Windfangtür führt uns in das Kircheschiff. Der Blick geht auf den Altar aus rötlichen Salzburger Marmor. Über dem Altartisch das schon genannte Relief Emmausjünger und darüber der Spruch: Herr bleibe bei uns. Darüber die vergoldete Kanzel und der Raum für ein Altargemälde. Zur Weihe der Kirche war dieses noch nicht vorhanden und die Stelle mit einem Vorhang abgedeckt, wie dieses Ansichtskarte, kurz nach der Weihe aufgenommen, zeigt. Erst zum Reformationsfest im Jahre 1910 wurde das Gemälde "Pauli Bekehrung" enthüllt. Ein Werk, an dem Professor Schindler neun Monate arbeitete. Leider wurde es ein Opfer des Krieges. Heute ziert ein Kruzifix die Stelle. Ob es aber tatsächlich missproportioniert ist, das wage ich zu bezweifeln. Die beiden vergoldeten Säulen werden von zwei Engelfiguren gekrönt. Diese schuf der Bildhauer Daniel Fabricius. Ebenfalls aus seiner Hand sind beiden singenden Engelgruppen an der nördlichen Seite, wovon die Gruppe nächst des Altars noch vermauert ist. Die an der Orgel "dürfen schon mal herausschauen". Die Gruppen an der Südseite sind noch völlig hinter dem Deckengewölbe versteckt. Aus den einst drei Emporen ist eine einzige geworden, was dem Lichteinfall gut tut. Lediglich an den Seiten der Orgelempore sind noch erhöhte Plätze angebracht um die Raumwirkung zu erhöhen. Geblieben ist, und davon kann man sich auch heute noch überzeugen, die schon vor dem Umbau als vortrefflich benannte Akustik. Ein Deckengemälde wurde nicht wieder angebracht und auch eine eventuelle Ausmalung im Sinne der Strehlener Kirche bald wieder verworfen, weil diese nicht mit der Ausgestaltung harmoniert hätte. Gänzlich neu auch die Orgel. Geschaffen vom damals bekannten Dresdner Orgelbaumeister Johannes Jahn. Opus 178. Pneumatische Traktur und Kegelladen, das Gebläse elektrisch mit einem Wassermotor angetrieben. Der dreimanualige Spieltisch und Pedal mit einem Tonumfang von C - a3 (Manual) bzw. C - f1 (Pedal). Insgesamt 3250 Pfeifen in 50 Register, die größte mit 5,9 m Länge. Außerdem waren noch 58 stumme Pfeifen in dem von der Hoftischlerei Udluft und Hartmann gebautem und reich vergoldetem Prospekt eingesetzt. Diese Orgel wurde beim Luftangriff beschädigt und von der Orgelbauanstalt Gebrüder Jehmlich wieder in Gang gesetzt und dabei umgebaut. Heute mit einem Rückpositiv versehen, hat das Werk sechs Register zugewonnen.
Nach der Fertigstellung des Kirchenneubaus und noch vor der Weihe wurde der Platz hinter der Kirche und um das Annendenkmal, ein Werk von Robert Henze, welches einst an Stelle des Annenbrunnes aufgestellt wurde und sich heute auf dem Annenfriedhof an der Chemnitzer Straße befindet, neu gestaltet. Bänke wurden aufgestellt und sieben Bäume gepflanzt Der Dresdner Anzeiger vom 27. November 1908 gibt sich dazu noch die Hoffnung hin:
"... daß diese freundliche Oase im Großstadtgetriebe nicht auch wie die nach dem Poppitz zu gelegene Bank- und Spielplatzanlage auf dem Sternplatze zum Tummelplatz von allerhand arbeitsscheuen gesellen wird". Wohl ein Wink mit dem Zaunspfahl und zur Ermahnung an das nicht gerade mit dem besten Ruf versehene Klientel um die Kanalgasse und Co. Die folgende Bildreihe zeigt den Innenraum der Annenkirche nach der Umgestaltung und vor dem neuerlichen Umbau 1939, wobei das farbige Bild wiederum eine Aufnahme aus den jetzigen Tagen ist.

       

Am 21. Februar 1909 war nun der große Tag. Der Dresdner Anzeiger vom 14. Februar 1909 bringt in seiner Rubrik "Örtliches" auf Seite 5 eine Mitteilung des Kirchenvorstandes der Annengemeinde, in dem dieser zur Weihe des Hauses am 21. Februar des Jahres einlädt. Drei Gottesdienste sollen abgehalten werden. Darunter ein Kindergottesdienst. Ging doch vom damaligen Pfarrer und im Jahre 1909 als Superintendent fungierenden Dr. Dibelius von dieser Kirche der Kindergottesdienst, einst von der Lehrerschaft scharf angegriffen, aus. Auf einen Festumzug verzichtete man allerdings auf Grund der Jahreszeit und, so genannt, lokaler Schwierigkeiten. Der Verkehr hatte in der Zeit nach der Ersteinweihung des Schmidschen Kirchenbaues im Jahre 1760 doch ein wenig zugenommen. Dafür wird der Einlass nur gegen karten gestattet, allerdings nach dem Läuten für jedermann freigegeben. Im Anzeigenteil dieser Zeitung findet sich dann auch das abgebildete Inserat. Superintendent Dibelius ließ es sich nicht nehmen, diesen Weihegottesdienst zu eröffnen, der natürlich von einer Reihe Ehrengäste besucht wurde. Der Landesvater, Friedrich August III, war dabei allerdings nicht von der Partie und auch die Vertreter der Stadt war nicht durch den Oberbürgermeister, sondern durch Bürgermeister Kretzschmar vertreten. Es folgte eine, der Presse nach gewaltig packende Weiherede an und schließlich wurde zunächst die Orgel, dann Altar, Kanzel und Taufstein geweiht. Die Weihepredigt hielt der verdienstvolle Pfarrer Heise, während Pastor Schmiedel die Liturgie las. Das Instrument ertönte offiziell zum ersten Mal und der neu gegründete und mit einem fantastischen Probenraum gesegnete freiwillige Kirchenchor unter Kantor Grützner ließ seine Stimme mit der Kantate von Moritz Hauptmann. "Kommt, lasset uns anbeten" erschallen. Doch schon vorher, am 6. Februar, wurde die Kirche dem Dresdner Architektenverein vorgestellt. Die Führung dazu übernahm Richard Schleinitz persönlich und auch die Orgel erklang schon. Extra zum Orgelspiel war Organist der Frauenkirche Alfred Hottinger gekommen, und auch der Kirchenchor gab eine Darbietung. Weniger wohl eine Probe seines Könnens, sondern um die Akustik darzustellen. Diese und auch die Beleuchtung sowohl bei Tageslicht als auch vorgeführt die künstliche Beleuchtung bei Anbruch der Dunkelheit, wurden mit einem Ah und Oh aufgenommen. Und Paul Schumann bemerkte schließlich auch noch für die heutige Zeit treffend, dass: "...auch der Architekt Schleinitz hier gezeigt (hat), daß moderne Formen sich mit den alten recht wohl vertragen, wenn der Architekt das Geschick dazu hat."
Warum ich diesen Weihegottesdienst so besonders hervorhebe? Eingangs bemerkte ich dass sich die "schon herausschauen dürfenden Engel" sich wohl zum Gottesdienst Estomihi am 22. Februar 2009 wieder versteckt hätten. Denn dieser Gottesdienst zum 100jährigen Bestehens der umgebauten Annenkirche war alles andere als gewaltig packend. Eine Hand voll Besucher verirrten sich in die Sakristei und nur mit einigen Worten wurde der Erneuerung der Annenkirche gedacht, wobei allerdings der Artikel der DNN vom Vortage zu recht kritisiert wurde.

Abschließend sei noch bemerkt, dass im Jahre 1939 wiederholt ein Umbau des Innern erfolgte, welcher allerdings der Kirche nicht unbedingt zur Zierde gereichte. Auch der Wiederaufbau nach den Beschädigungen in der Bombennacht ist als weniger glücklich zu bezeichnen, allerdings auch der Zeit geschuldet. Bleibt zu hoffen, dass die anstehende Erneuerung mit glücklicherer Hand ausgeführt wird.


 Das tägliche Dresdenbild

Matthias
Starke